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Al-Qadīr – Warum Gottes Allmacht deine Verantwortung begründet
Der Name al-Qadīr wird meist mit „der Allmächtige“ übersetzt. Die zugrunde liegende arabische Wurzel q-d-r bedeutet jedoch weit mehr als nur Macht. Sie bezeichnet das Bemessen, Ordnen und Festsetzen eines Maßes. Gottes Macht zeigt sich daher nicht in Willkür, sondern darin, dass er der Schöpfung ihre Ordnung gibt und sie fortwährend trägt (vgl. al-Iṣfahānī, 2012, S. 825).
„Das war eben mein Qadar.“
Solche Sätze hört man immer wieder. Ein Fehler ist passiert, eine Chance wurde verpasst oder eine Entscheidung hat negative Folgen. Mit dem Hinweis auf den Qadar scheint alles erklärt. Doch entspricht dieses Verständnis tatsächlich dem koranischen Denken?
Der Name al-Qadīr wird meist mit „der Allmächtige“ übersetzt. Die zugrunde liegende arabische Wurzel q-d-r bedeutet jedoch weit mehr als nur Macht. Sie bezeichnet das Bemessen, Ordnen und Festsetzen eines Maßes. Gottes Macht zeigt sich daher nicht in Willkür, sondern darin, dass er der Schöpfung ihre Ordnung gibt und sie fortwährend trägt (vgl. al-Iṣfahānī, 2012, S. 825).
Ein Blick in den Nachthimmel macht diese Ordnung sichtbar. Milliarden Gestrine bewegen sich in festen Bahnen, Jahreszeiten wechseln regelmäßig, Naturgesetze gelten verlässlich. Nichts davon besteht aus sich selbst heraus. Der Koran beschreibt Gott vielmehr als denjenigen, von dem alles abhängt und der alles erhält. Er ist aṣ-Ṣamad – der, auf den alles angewiesen ist (Koran, 112:2) – und al-Muhaymin – der Bewahrende und Beschützende (Koran, 59:23). Diese Namen ergänzen einander und machen deutlich, dass Gottes Allmacht nicht isoliert verstanden werden darf. Sie ist immer mit Weisheit, Fürsorge und Ordnung verbunden.
Gerade hier entsteht häufig ein Missverständnis. Manche stellen sich den Qadar wie einen bereits fertigen Film vor. Alles sei von Anfang an festgelegt, der Mensch könne lediglich zuschauen. Ein solches Bild nimmt menschlichem Handeln jede Bedeutung.
Der Koran zeichnet jedoch ein anderes Verständnis. Gottes Allmacht schafft die Voraussetzungen dafür, dass menschliches Handeln überhaupt möglich wird. Die Welt folgt einer Ordnung; mit Naturgesetzen, moralischen Zusammenhängen und den Konsequenzen menschlicher Entscheidungen. Innerhalb dieser Ordnung handelt der Mensch frei und trägt Verantwortung für sein Tun.
Wer eine Prüfung besteht, fragt sich vielleicht, wodurch der Erfolg zustande kam. War es das Lernen, die Vorbereitung und die Ausdauer? Oder hätte das Ergebnis ohnehin festgestanden, unabhängig vom eigenen Einsatz? Der Koran beantwortet diese Frage nicht mit einem Entweder-oder. Er verbindet Gottes umfassende Macht mit der Verantwortung des Menschen. Ohne Gottes Ermöglichung gäbe es weder den Menschen noch seine Fähigkeiten. Zugleich bleiben seine Entscheidungen echte Entscheidungen.
Die Geschichte des Propheten Nūḥ veranschaulicht dieses Prinzip. Sein Volk erhielt die Möglichkeit zur Umkehr. Nūḥ rief sie auf, Gott um Vergebung zu bitten, damit ihnen vergeben werde (Koran, 71:4). Sie lehnten diesen Weg jedoch wiederholt ab. Der Koran beschreibt die Folge unmissverständlich: „Wegen ihrer eigenen Verfehlungen wurden sie ertränkt“ (Koran,
71:25). Nicht göttliche Willkür führte zu ihrem Ende, sondern ihre eigenen Entscheidungen innerhalb der von Gott gesetzten Ordnung.
Dazu passt ein weiterer Grundsatz des Korans:
„Allah verändert den Zustand eines Volkes nicht, bis sie selbst ändern, was in ihnen ist.“ (Koran, 13:11)
Der Qadar ist deshalb kein unveränderliches Drehbuch. Er ist die von Gott geschaffene und getragene Ordnung der Welt, innerhalb derer menschliche Freiheit und Verantwortung überhaupt Sinn erhalten. Gerade weil Allah al-Qadīr (der Maßgebende) ist, haben unsere Entscheidungen Gewicht.